Rüdiger von Fritsch: Wie blickt man auf Geschichte, wenn die eigene Familie mittendrin ist?
August 6, 2026
AI Summary
5 min readRüdiger von Fritsch, ehemaliger deutscher Botschafter in Polen und Russland, hat ein Buch über seine Familie geschrieben. Es trägt den Titel Die Geschichte in mir – eine deutsche Familie im 20. Jahrhundert. Der Auslöser war ein unscheinbarer Fund: In einem alten Haushaltsbuch seiner Großmutter, zwischen Pudding-Rezepten, klebten Briefmarken des Deutschen Reichs mit dem Bild des Führers, Aufdruck „Ostland“. Dieser Fund zwang ihn, sich der Frage zu stellen, die ihn ein Leben lang begleitet hatte: Was haben die Lebensläufe der Menschen vor mir mit meinem Leben gemacht?
Die Gleichzeitigkeit des Widersprüchlichen
Das Kernproblem des Buches ist der Umgang mit einem Vater, der bis zu seinem Tod 2006 ein überzeugter Nationalsozialist war, den Holocaust leugnete und von „Lügenmärchen“ sprach – und der gleichzeitig ein liebevoller, intellektuell faszinierender Vater war, der seinen Söhnen den Weg in eine andere Welt bahnte. Von Fritsch betont, dass man diese Gegensätze nicht gegeneinander aufrechnen dürfe. Das „Ja, aber“ – „Ja, er war in der Partei, aber er war ein guter Vater“ – sei fatal. Stattdessen müsse man lernen, mit der Gleichzeitigkeit des Widersprüchlichen zu leben. Sein Vater verlangte nie Gefolgschaft, sondern wollte verstanden werden. Er schickte seine Söhne bewusst auf ein Internat, das von einem ehemaligen britischen Marineoffizier geleitet wurde – in der Gewisshei
Continue reading the full summary in the app — free to try.
Read Full Summary →Free • No credit card required
Never miss an episode of Der Geschichtspodcast
Get every new episode summarized in your inbox — free, ~5 minutes to read.
No spam. Unsubscribe anytime.
What you'll learn
- 1 Timestamped Navigation Outline
- 2 (00:03) **Introduction & Guest Background** - Christine Brunzel and Michael Götz introduce the episode's format and guest Rüdiger von Fritsch, former German ambassador to Poland and Russia
- 3 (01:43) **The Trigger: Finding Nazi Stamps in Grandmother's Household Book** - Von Fritsch describes discovering stamps from the "Deutsches Reich" with Hitler's image in his grandmother's recipe book after retiring in 2019
- 4 (03:35) **The Concept of "Aufheben" (Lifting/Resolving/Preserving)** - Von Fritsch explains the threefold meaning of "aufheben" that drives his approach to family history
- 5 (05:53) **Diplomatic Practice: Asking About Painful History** - Von Fritsch describes his approach of actively asking people in Poland and Russia about their families' experiences under German occupation
- 6 (08:26) **The Father: Thomas von Fritsch** - A lifelong convinced Nazi who joined the NSDAP in 1928, worked in occupied Lithuania 1941-44, and denied the Holocaust until his death in 2006, yet was also a loving father
- 7 (10:58) **Against "But He Was..." Accounting** - Von Fritsch argues against the common tendency to offset family members' Nazi past with their positive qualities
+ Full timestamped outline available in the app
Show Notes
In dieser Folge verlassen wir unser gewohntes Format und widmen uns ganz einem ausführlichen Gespräch. Zu Gast ist Rüdiger von Fritsch: Historiker, ehemaliger deutscher Botschafter in Polen und Russland und Autor des Buches „Die Geschichte in mir. Eine deutsche Familie im 20. Jahrhundert“. Wir sprechen über den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg, um Flucht und Vertreibung. Im Mittelpunkt unseres Gesprächs steht die Frage, wie sich der Blick auf Geschichte verändert, wenn die eigene Familie selbst Teil der historischen Ereignisse war.
Rüdiger von Fritsch erzählt von seinem Vater, der bis zu seinem Tod überzeugter Nationalsozialist geblieben ist, und von seiner Mutter, deren Familie vor der Roten Armee geflohen ist und die Bombardierung Dresdens überlebte. Doch es geht nicht nur um die Familie selbst, sondern auch um die großen Fragen von Verantwortung und Schuld, Aufarbeitung sowie das schwierige Erbe der eigenen Herkunft.
Und wir sprechen über das Verhältnis von Deutschland, Polen und Russland, über die Arbeit als Diplomat an historisch besonders belasteten Orten. Was bedeutet es, Deutschland ausgerechnet dort zu vertreten, wo Deutsche unermessliches Leid verursacht haben? Wie spricht man über Geschichte, über die eigene Familie, ohne diese zu entlasten? Und was bedeutet die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für uns heute?
„Die Geschichte in mir. Eine deutsche Familie im 20. Jahrhundert“, das aktuelle Buch von Rüdiger von Fritsch, ist am 29. April 2026 im Siedler Verlag erschienen (336 Seiten, 26€).
Gast
Rüdiger von Fritsch
Redaktion & Produktion
Redaktion: Christine Brunzel, Michael Götz Produktion: F.A.Z. Audio Soundlogo: David Brucklacher
Hören Sie mit FAZ+ unsere exklusiven Podcast-Folgen auf FAZ.NET, in der FAZ-App sowie über Apple Podcasts und Spotify – inklusive Zugriff auf alle Artikel der F.A.Z.
Testen Sie FAZ+ jetzt 3 Monate lang für nur 4 € im Monat – hier geht’s zum Angebot.
Mehr über die Angebote unserer Werbepartner finden Sie HIER.
More from this podcast
Der Geschichtspodcast →