Entzaubert oder gestärkt? Als die Rechtspopulisten in Österreich in die Regierung kamen
September 17, 2026
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5 min readAls die Rechtspopulisten in Österreich in die Regierung kamen
Wien, 4. Februar 2000. Aufgebrachte Demonstranten blockieren den Ballhausplatz, beworfen mit faulem Obst und Steinen. Die neue Regierung soll vereidigt werden – eine Koalition aus der konservativen ÖVP mit der rechtspopulistischen FPÖ von Jörg Haider. Der designierte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und seine Minister müssen durch den Keller vom Bundeskanzleramt zur Hofburg gehen, um die Zeremonie überhaupt zu erreichen. Bundespräsident Thomas Klestil macht keinen Hehl aus seiner Ablehnung: Er unterschreibt die Ernennungsurkunden, als wäre der Formularbeamte persönlich schuld an der Misere. Die Stimmung im Festsaal beschreiben Beteiligte später als "wie in einem Eiskasten". Zwei Wochen später demonstrieren auf dem Heldenplatz nicht mehr 5.000, sondern 150.000 Menschen.
Die Vorgeschichte: Wie die FPÖ zur Macht kam
Die FPÖ ist keine junge Protestpartei wie die deutsche AfD. Sie wurde 1956 gegründet und geht auf den 1949 entstandenen Verband der Unabhängigen zurück, der ehemaligen Nationalsozialisten eine politische Heimat bot. In den 1970er und 80er Jahren war sie eine liberale Partei, vergleichbar mit der FDP, und sogar von 1983 bis 1986 Koalitionspartner der SPÖ. Das änderte sich 1986, als Jörg Haider die Führung übernahm und die FPÖ in eine rechtspopulistische Richtung formte.
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What you'll learn
- 1 Timestamped Outline
- 2 (00:00) **Der Tag der Angelobung** - Proteste und unterirdischer Weg zur Vereidigung der schwarz-blauen Regierung am 4. Februar 2000
- 3 (03:53) **Fallhöhe und Fragestellung** - Der Tabubruch einer Koalition mit Rechtspopulisten und die Frage nach der Vergleichbarkeit mit Deutschland
- 4 (05:04) **Die These vom Stärkungseffekt** - Annina Hermes' Studie zu Regierungsbeteiligung rechtspopulistischer Parteien
- 5 (07:40) **Das Ende eines politischen Systems** - Historiker Michael Geler erklärt die Bedeutung der Wende
- 6 (09:34) **Jörg Haider und der Aufstieg der FPÖ** - Vom liberalen Ursprung zur rechtspopulistischen Wende
- 7 (14:50) **Die ÖVP als ambivalenter Partner** - Unterschiedliche Umgangsweisen mit der FPÖ auf Landesebene
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Show Notes
Ein Tabubruch – so empfanden es viele Menschen in Österreich, als die konservative ÖVP im Jahr 2000 auf Bundesebene erstmals eine Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ einging. Welche Folgen hatte diese Regierungsbeteiligung für die FPÖ? Und lassen sich aus dem Beispiel Österreich Schlüsse für Deutschland ableiten? Darum geht es in dieser Folge des Geschichtspodcasts von Frankfurter Allgemeiner Zeitung und Konrad-Adenauer-Stiftung.
Die erste schwarz-blaue Koalition im Jahr 2000 bedeutete für Österreich das Ende eines politischen Systems. Eines Systems, das viele Jahrzehnte von den beiden alles bestimmenden Parteien SPÖ und ÖVP geprägt war. Deren große Koalition hatte Tradition. Nun kamen die Rechtspopulisten um Jörg Haider mit an die Macht. Dabei war die FPÖ nicht zum ersten Mal Teil einer Bundesregierung: Bereits von 1983 bis 1986 regierte sie als Juniorpartner der SPÖ.
Mit dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) und dem Historiker Michael Gehler analysieren wir diese schwarz-blaue Wende. Und wir fragen, wie die Entwicklung der FPÖ zu der These passt, dass rechtpopulistische Parteien durch eine Regierungsbeteiligung nicht gezähmt, sondern gestärkt werden.
Mit Wolfgang Schüssel diskutieren wir zudem im Interview die sogenannte Brandmauer und seine Thesen zum Umgang mit rechtspopulistischen Parteien.
Q&A-Fragen
- Haben Sie Fragen an Michael Gehler? Schreiben Sie uns gern an [email protected] oder kommentieren Sie bei Spotify.
- Außerdem interessiert uns: Wie beurteilen Sie die Folgen der ersten schwarz-blauen Koalition? Hat sie die FPÖ gestärkt oder geschwächt? Wie beurteilen Sie das konkrete Vorgehen von Wolfgang Schüssel?
- Wie ordnen Sie andere Beispiele in Europa ein, bei denen rechtspopulistische oder sogar in Teilen rechtsextreme Parteien an die Macht kamen? Haben Sie zu diesen Beispielen Fragen?
Die Fragen und Kommentare unserer Hörer besprechen wir kommenden Donnerstag in der Q&A-Folge – gemeinsam mit unserem Experten Michael Gehler. Einsendungen können gekürzt oder auszugsweise im Podcast verwendet werden.
Gäste:
- Michael Gehler, Professor für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte an der Universität Hildesheim
- Wolfgang Schüssel, ehemaliger Bundeskanzler Österreichs
- Simon Strauß, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Hosts:
- Christine Brunzel (Konrad-Adenauer-Stiftung)
- Angelika Fey (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Literatur:
- Csoklich, F.: Österreich: Der Weg zur schwarz-blauen Koalition. Herder-Korrespondenz, 54(3) 2000, 116.
- Csoklich, F.: Alarmzeichen nach der Wahl: In Österreich geht die ÖVP in die Opposition. Herder-Korrespondenz, 53(11) 1999, 563.
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