Nach dem Versagen der Währungshüter
September 23, 2026
AI Summary
5 min readIn 2022, als die Inflation in Europa und den USA bereits deutlich gestiegen war, zögerten die Notenbanken noch mit Zinserhöhungen. Der Ökonom Ricardo Reis von der London School of Economics verglich die Lage damals mit einem Spaziergang im Londoner Regen: Der Regen sei real – die externen Schocks durch Pandemie, Lieferketten und Ukraine-Krieg –, aber die Notenbanken hätten einen Regenschirm gehabt, den sie nicht rechtzeitig aufgespannt hätten. Dieses Bild gab der ursprünglichen Podcast-Folge den Titel und ist der Kern seiner Diagnose, die der Podcast-Moderator Daniel Stelter nun, vier Jahre später, für eine Neubetrachtung aus dem Archiv holt.
Die Schuldfrage: Regen oder Regenschirm?
Reis räumt ein, dass die Jahre 2020 bis 2022 eine außergewöhnlich schwierige Zeit für die Geldpolitik waren. Die Pandemie, die Versorgungsunterbrechungen 2021 und der russische Einmarsch in die Ukraine waren Schocks, die niemand vorhersehen konnte. Es wäre nach seiner Einschätzung unmöglich gewesen, diese Zeit mit einer Inflation deutlich unter 2 Prozent zu überstehen. Dennoch weist er den Notenbanken eine klare Mitschuld zu. Der Grund: Die Zentralbanken haben die Macht und das Mandat, ihr Inflationsziel zu erreichen. Sie haben dieses Instrumentarium nicht rechtzeitig genutzt.
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What you'll learn
- 1 Nach dem Versagen der Währungshüter
- 2 (00:05) **Einleitung: Warum dieses Gespräch heute noch relevant ist** – Daniel Stelter erklärt den aktuellen Anlass: EZB, Fed und sogar die japanische Notenbank haben die Zinsen erhöht, und die Notenbanken tragen Mitschuld an der Inflation.
- 3 (02:54) **Wer ist Ricardo Reis?** – Vorstellung des Ökonomen, der beinahe Chefökonom des IWF geworden wäre, aber wegen seiner unverblümten Äußerungen nicht berufen wurde.
- 4 (08:41) **Kernaussage: Die Notenbanken haben ihren Regenschirm zu spät aufgespannt** – Reis’ zentrale Metapher: Der Regen (externe Schocks) ist real, aber die Notenbanken hatten einen Regenschirm (Zins- und Bilanzpolitik) und haben ihn nicht rechtzeitig geöffnet.
- 5 (17:33) **Die Schuldfrage: Notenbanken oder externe Schocks?** – Reis ordnet die Verantwortung klar zu: Die Notenbanken tragen eine Mitschuld, weil sie ihr Instrumentarium nicht rechtzeitig einsetzten.
- 6 (22:03) **Waren die niedrigen Inflationsraten der Vorjahre ein Verdienst der Notenbanken oder nur Glück?** – Reis argumentiert, dass die Notenbanken durchaus Lob verdienen, auch wenn die einseitige Fokussierung auf das Inflationsziel zu einer übermäßig lockeren Geldpolitik führte.
- 7 (28:44) **Der Teenager-Vergleich: Immer zu spät mit guten Ausreden** – Reis vergleicht die Notenbanken mit einem Teenager, der jeden Abend zu spät nach Hause kommt und immer eine gute Ausrede hat – das Verhalten ist dennoch inakzeptabel.
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Show Notes
“Der beste Ökonom, den der IWF nie hatte” – so titelte der Economist im September 2026 eine sehr bemerkenswerte Geschichte in seiner Printausgabe. Der portugiesische Makroökonom Ricardo Reis, Professor an der London School of Economics, wäre in diesem Sommer beinahe zum Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds ernannt worden. Beinahe! Denn Reis’ öffentliche Kritik an Trumps Zöllen und wohl auch seine wesentlich schärferen politischen Kommentare an Trump persönlich haben ihn den Posten gekostet. Was vor allem für den IWF schlecht ist, denn Reis beschäftigt sich intensiv mit dem Zusammenspiel von Staatsverschuldung, Geldpolitik sowie Zentralbankbilanzen und argumentiert seit Jahren, dass IWF und Zentralbanken bei internationalen Finanzkrisen enger zusammenarbeiten sollten. Ausgerechnet einer der modernen Makroökonomen und Geldtheoretiker, dessen Forschung für die gegenwärtigen Probleme des IWF besonders relevant ist, bekam den Posten nicht. Den Grund benennt der Economist im der Titel der Onlineversion des Beitrags: “Ricardo Reis war dem IWF zu offen”. Man könnte auch sagen “zu unverblümt”.
Unverblümt war Prof. Dr. Ricardo Reis auch in bto-Episode #153 “Den Schirm vergessen”. Im August 2022 hat Daniel Stelter mit ihm über eine der wichtigsten Fragen der damaligen Zeit gesprochen: Wer trägt die Verantwortung für die Inflation? Die Notenbanken? Oder die externen Schocks? Seine Antwort war, wie kann es anders sein, unbequem. Es sei zwar richtig, dass Pandemie, Lieferketten und Ukraine-Krieg die Inflation getrieben haben. Aber: „I have an umbrella" – die Notenbanken hatten einen Regenschirm und haben ihn nicht benutzt. Heute, vier Jahre später, sehen wir Zinswende, Frankreich-Krise und eine Debatte um fiskalische Dominanz. Reis Diagnose ist relevanter denn je. Zeit für ein bto REFRESH.
Hinweis
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Hörerservice
Artikel Ricardo Reis was too frank for the IMF – It can still benefit from the economist's ideas (17. September 2026) in The Economist (online), Printtitel: „The best economist the IMF never had": https://t1p.de/rbmg0
Analyse The Burst of High Inflation in 2021–22: how and why did we get here? von Prof. Dr. Ricardo Reis, Working Paper der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (Dezember 2022): https://t1p.de/4kzcf
beyond the ob
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